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Freut euch des Lebens
(Usteri 1793)
Weil noch das Lämpchen glüht,
pflücket die Rose,
eh' sie verblüht.
Man schafft so gerne sich Sorg und Müh,
sucht Dornen auf und findet sie,
und lässt das Veilchen unbemerkt,
das uns am Wege blüht.
Freut euch des Lebens,
Weil noch das Lämpchen glüht,
pflücket die Rose,
eh' sie verblüht.
Wenn scheu die Schöpfung sich verhüllt
und laut der Donner um uns brüllt,
so lacht am Abend nach dem Sturm
die Sonne, ach, so schön.
Freut euch des Lebens,
Weil noch das Lämpchen glüht,
pflücket die Rose,
eh' sie verblüht.
Wer Neid und Missgunst sorgsam flieht
und G'nügsamkeit im Gärtchen zieht,
dem schießt sie schnell zum Bäumchen auf,
das goldne Früchte trägt.
Freut euch des Lebens,
Weil noch das Lämpchen glüht,
pflücket die Rose,
eh' sie verblüht.
Wer Redlichkeit und Treue liebt
und gern dem ärmeren Bruder gibt,
den lohnt dafür Zufriedenheit
mit höherm Glück als Gold.
Freut euch des Lebens,
Weil noch das Lämpchen glüht,
pflücket die Rose,
eh' sie verblüht.
Und wenn der Pfad sich furchtbar engt,
und Missgeschick uns plagt und drängt,
so reicht die Freundschaft schwesterlich
dem Redlichen die Hand.
Freut euch des Lebens,
Weil noch das Lämpchen glüht,
pflücket die Rose,
eh' sie verblüht.
Sie trocknet ihm die Tränen ab,
und streut ihm Blumen auf das Grab,
sie wandelt Nacht in Dämmerung,
und Dämmerung in Licht.
Freut euch des Lebens,
Weil noch das Lämpchen glüht,
pflücket die Rose,
eh' sie verblüht.
Sie ist des Lebens schönstes Band!
Schlingt, Brüder, traulich Hand in Hand,
so wallt man froh, so wallt man leicht,
ins bessre Vaterland!
Freut euch des Lebens,
Weil noch das Lämpchen glüht,
pflücket die Rose,
eh' sie verblüht.
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